INTERVIEW


Anlässlich der Lesung zu "Vogelfrei" im Kulturzentrum Köllenhof am 6. Juni 2014 in Wachtberg-Ließem führte Dieter Dresen das folgende Interview mit mir:

 

Dieter Dresen: Herr Kartte, Krimis haben zurzeit Hochkonjunktur: Am Sonntagabend verfolgen sich Tatort-Kommissare gegenseitig, die Vorabend-Sokos von Flensburg bis Konstanz streiten sich um die besten Sendezeiten, und regionale Lokalkrimis liegen stapelweise in jeder besseren oder schlechteren Bahnhofbuchhandlung aus. Warum soll ein krimibegeisterter Leser gerade und unbedingt Ihren Erstlingsroman „Vogelfrei“, der soeben druckfrisch im Emons-Verlag erschienen ist, kaufen … und lesen?

 

 

Ulf Kartte: Weil er neben den Zutaten, die einen guten Krimi ausmachen, noch eine Besonderheit hat: „Vogelfrei“ bewegt sich zwischen zwei Welten – Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und in denen Begriffe wie Liebe, Ehre und Rache eine gänzlich unterschiedliche Bedeutung haben. Dieser Kontrast und die daraus entstehende Dramatik machen den besonderen Reiz des Buches aus. Dazu kann ich einen spannenden Mordfall, ein sympathisches Ermittlerteam, viel Rheinland-Feeling und nicht zuletzt eine schöne Liebesgeschichte versprechen.

 

 

Dieter Dresen: Was ist das für ein Gefühl, wenn man zum ersten Male „sein Buch“ in den Händen hält?

 

 

Ulf Kartte: Ein gutes. Es gibt mir das Gefühl, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Und es motiviert mich, weiter zu schreiben.

 

 

Dieter Dresen: Ihr Thema „Die Mafia in Deutschland“ ist höchst aktuell: Es wurde gerade in der ARD und WDR-III durch Reportagen und einer Diskussionsrunde in „Hart aber fair“ einer breiteren Öffentlichkeit wieder bewusst gemacht. Wie sind Sie auf die Problematik gestoßen? Bei Ihrem Lieblingsitaliener oder im Urlaub auf Sardinien?

 

 

Ulf Kartte: Die Mafia ist ein Thema, das mich schon immer fasziniert hat. Und das auch immer wieder in Büchern und Filmen aufgegriffen wurde. Neben dem „Paten“ fällt mir vor allem die spannende und sehr realistische Fernsehserie „Allein gegen die Mafia“ ein, die in den 80-er und 90-er Jahren auch in Deutschland lief. Spätestens seit den Mafiamorden 2007 in Duisburg weiß man, dass die Mafia auch hierzulande präsent ist und ihren Einfluss immer weiter ausbaut.

 

 

Dieter Dresen: Die Morde von Duisburg wurden ja inzwischen aufgeklärt, die Täter verurteilt und sitzen ihre langjährigen Haftstrafen ab. Ist Deutschland wirklich für die Mafia, nicht nur für die aus Italien, ein bevorzugtes Betätigungsfeld und/oder Rückzugsgebiet?

 

 

Ulf Kartte: Eindeutig ja. Diese Tatsache ist übrigens auch schon länger bekannt. So beschreibt beispielsweise der Autor Jürgen Roth in seinem Buch „Mafialand Deutschland“ bereits 2009 detailliert den systematischen Aufbau mafiöser Strukturen in Deutschland.

 

 

Dieter Dresen: Wieso haben wir hier in Deutschland eigentlich kein zielgerichtetes Anti-Mafia-Gesetz? Die italienische Rechtsprechung ist da viel weiter als wir.

 

Ulf Kartte: Ein schwieriges Thema. Sicherlich haben wir in Deutschland noch Nachholbedarf. Aber warum muss man gleich immer die Gesetze verschärfen? Ich bin der Meinung, dass eine bessere Ausstattung der deutschen Behörden, der Aufbau von entsprechendem Know-how und eine engere Kooperation mit den italienischen Behörden schon viel bringen würden. Ein Anti-Mafia-Gesetz sehe ich als problematisch an, weil dabei immer die Gefahr besteht, auch grundlegende Freiheitsrechte einzuschränken. Bürgerrechte dürfen jedoch nicht aufgrund von polizeilichen Effizienzerwägungen gefährdet werden.

 

Dieter Dresen: Zurück zum Buch: Mit zunehmender Lektüre wuchs bei mir die Spannung, bis zum überraschenden Showdown: Hatten Sie vor der Niederschrift den Handlungsverlauf im Kopf – oder entwickelte er sich erst beim Schreiben?

 

Ulf Kartte: Ich muss gestehen, dass ich mangels Erfahrung am Anfang einfach drauf los geschrieben habe. Aber ich habe schnell gelernt, dass man so keinen Roman über mehrere hundert Seiten mit einer stringenten Handlung fertig bekommt. Heute erarbeite ich zuerst den Plot, eine Art Drehbuch, in dem ich die Handlung bis hinein in einzelne Szenen bereits sehr detailliert beschreibe, bevor ich beginne, das eigentliche Buch zu schreiben.

 

 

Dieter Dresen:  Mit Ihrem Protagonisten, dem Hauptkommissar Brokat vom KK 11 in Köln, ist Ihnen ein interessanter Charakter gelungen. Gab es da ein Vorbild?

 

 

Ulf Kartte:  Nein, eigentlich nicht. Ich wollte vor allem eine glaubwürdige Figur erschaffen, mit der sich meine Leser/innen identifizieren können. Ich hatte einfach keine Lust auf einen weiteren einbeinigen Kommissar mit Visionen und einem Hirntumor.

 

 

Dieter Dresen: Und warum müssen Vorgesetzte von fähigen Kriminalkommissaren immer inkompetent, karriere- und pressegeil, arrogant und opportunistisch sein?

 

 

Ulf Kartte: Das sind sie sicher nicht – weder in Romanen noch in der Realität. Dennoch glaube ich, dass es in vielen Behörden nach wie vor auch typische „Apparatschiks“ gibt, wie in meinem Buch Brokats Vorgesetzter Jan Vonderschmitt. Mich haben beim Schreiben vor allem die beiden gegensätzlichen Charaktere interessiert: Brokat und Vonderschmitt arbeiten beide für das gleiche Ziel, gehen aber mit völlig unterschiedlichen Ansätzen an den Fall. Womit ich nicht sagen will, dass Brokats Weg immer der bessere ist.

 

 

Dieter Dresen: Mir haben auch und besonders die eingestreuten Traumpassagen von Brokat gefallen. Wie kamen Sie auf diesen „Kunstgriff“?

 

 

Ulf Kartte: Für mich haben Träume schon immer eine besondere Bedeutung gehabt. Sie helfen einem, Ereignisse aus der Vergangenheit zu verarbeiten, manchmal haben sie auch etwas Phantastisches oder Visionäres. In der Literatur gibt es dafür viele gute Beispiele. Beeinflusst hat mich sicherlich auch das wunderbare Jugendbuch „Krabat“ von Otfried Preußler, der dieses Stilmittel meisterhaft einsetzt, um die düster-phantastische Handlung der Geschichte voranzutreiben.

 

 

Dieter Dresen: Wie lange haben Sie eigentlich für Ihren „Erstling“ gebraucht?

 

 

Ulf Kartte: 2007 habe ich mit dem Roman begonnen. 2012 war das Buch eigentlich fertig. Danach hat es noch einmal fast zwei Jahre bis zum Erscheinen gedauert. Wer sein Debüt bei einem renommierten Verlag veröffentlichen will, braucht einen langen Atem. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.

 

 

Dieter Dresen: Wo und wie und wie lange haben Sie recherchiert?

 

 

Ulf Kartte: Die Recherche steht bei mir immer am Anfang. Bei „Vogelfrei“ hat mir sicherlich geholfen, dass ich vorher von vielen Reisen schon einiges über Italien, die Mafia und die Blutrache wusste. Trotzdem habe ich auch noch viel gelesen und im Internet recherchiert. Zu bestimmten Themen, wie zum Beispiel bei medizinischen Fragen, habe ich mich von Experten beraten lassen.

 

 

Dieter Dresen: Sind alle Lokalangaben überprüfbar, auch auf Sardinien?

 

 

Ulf Kartte: Das will ich doch hoffen! Und natürlich war ich selbst an allen Orten, die im Buch vorkommen, auch persönlich.

 

 

Dieter Dresen: Wie kommt es, dass Sie überhaupt Ihr schriftstellerisches Talent entdeckt haben?

 

 

Ulf Kartte: Ich habe schon mit zwölf Jahren angefangen zu schreiben – auch Krimis. Studium, Familie und Beruf haben später so im Vordergrund gestanden, dass ich das Schreiben lange zurückgestellt habe, was ich heute etwas bedaure. Irgendwann habe ich dann wieder angefangen und sehr schnell gemerkt, dass die Schriftstellerei einfach mein Ding ist.

 

 

Dieter Dresen: Wer war Ihr strengster Kritiker?

 

Ulf Kartte: Oh, da gab es mehrere, unter anderem meinen Vater, der selbst schreibt, meinen ältesten Sohn und einen guten Freund, der mir auch bei medizinischen und technischen Fragen geholfen hat. Außerdem habe ich das große Glück, von einer Literaturagentur betreut zu werden, deren professionelle Kritik mich häufig weitergebracht hat.

 

 

Dieter Dresen: Was wünschen Sie sich für Ihre Lesung bei uns im Köllenhof?

 

 

Ulf Kartte: Ein offenes Publikum, das Freude an einer spannenden Geschichte hat. Ich freue mich schon sehr auf die Lesung!

 

 

Dieter Dresen: Letzte Frage: Dürfen wir auf eine Fortsetzung hoffen? Ist der „Neue“ schon fertig? Wenn ja, worum geht es?

 

 

Ulf Kartte: Wenn es nach mir geht, gibt es auf alle Fälle eine Fortsetzung. Ich habe auch schon angefangen zu schreiben. Im zweiten Brokat-Krimi geht es um mysteriöse Serienmorde an Kölner Prominenten – mehr will ich noch nicht verraten.

 

 

Dieter Dresen: Herr Kartte, vielen Dank für dieses Gespräch. Auch ich freue mich schon jetzt auf die Lesung, ich bin richtig gespannt.

 

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